Plädoyer für die zweite Chance

Wenn man bei Google das Stichwort „Förderung junger Künstler in Deutschland“ eingibt, produziert die Website 233.000 Ergebnisse in 0,39 Sekunden. Wer dagegen über 40 ist und sich als Künstler verwirklichen möchte, hat ein echtes Förderungsproblem. Ich wünsche mir, dass sich das ändert – und das nicht nur, weil ich selbst schon in die Jahre gekommen bin.

Ich denke einfach, dass es viele Menschen gibt, die sich in jungen Jahren nicht trauen, ihrer künstlerischen Ader nachzugehen, oder die aus Vernunftgründen einen Weg einschlagen, der zwar das Überleben sichert, aber nicht die Verwirklichung ihrer Fähigkeiten ermöglicht. So landen viele künstlerisch begabte Menschen zum Beispiel in der Kreativwirtschaft oder im Kunstmanagement – nah an der Kunst, aber eben nicht „drin“. „Schattenkünstler“ nennt Julia Cameron diese Halbwesen. Manche finden dann später im Leben doch noch zur Kunst – wenn das Haus abbezahlt ist, die Kinder groß genug oder der Drang nach Entfaltung sich doch endlich Bahn bricht. Ich finde, diese Menschen haben auch Ermutigung und Unterstützung verdient: Ich werbe für eine zweite Chance der Verwirklichung! Und ich glaube, dass die „älteren Semester“ diese Unterstützung sehr intensiv und bewusst nutzen würden, da sie durch den extremen „Verwirklichungsstau“ viel Energie aufgebaut haben und schon sehr lange mit ihren Projekten schwanger gehen…

Auch die viel zitierte demografischen Entwicklung spricht meiner Ansicht dafür, gezielt daran zu arbeiten, reiferen Menschen zu einem künstlerischen Debüt zu verhelfen. Wie viel Kraft eine späte Hinwendung zur freien kreativen Arbeit entfalten kann, zeigen meiner Ansicht nach Menschen wie Martin Suter, der Schritt für Schritt das „Schattenreich“ des Werbetextes verließ und erst mit fast 50 Jahren seinen literarischen Durchbruch schaffte – seither legt er fast jedes Jahr ein Buch vor. Dabei war Suter ja erfolgreich in der Werbung – aber offenbar hat er sich ja doch nach „Mehr“ gesehnt. Eine Stiftung für die Förderung von künstlerischen Debütantinnen und Debütanten ab 40: die wünsch ich mir! Am liebsten im Rahmen des Gesamtkonzeptes der Literaturstadt Münster.

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